So, kann mich nun mal jemand aufklären, wer dieser Hans Filbinger wirklich war? War das wirklich ein überzeugter Nazi, der ohne Skrupel Menschen in den Tod gerichtet hat? Oder war er ein Mitläufer, der sich dem Druck des Systems gebeugt hat und daraus das für sich “Beste” gemacht hat? Oder doch nur ein Konservativer, der gegen seinen Willen zur Militärjustiz abkommandiert wurde?
Ich kenne auch Günther Oettinger nicht, aber die hysterische Kampagne der letzten Tage ist zweifelsohne ein neuer Höhepunkt in der bundesdeutschen Geschichte des Demontierens von öffentlichen, ich setzte mal hinzu “unliebsamen”, Personen. Wie gesagt, ich kann mir über die Sachverhalte kein Urteil erlauben, aber die unglaubliche Zähigkeit und Hysterie von Medien, Politikern (fast) jeglicher Richtung und einschlägigen Verbänden, inklusive des natürlich nicht fehlen dürfenden, moralinsauren Ralph Giordano, mit der nun letztendlich eine Distanzierung erzwungen wurde, finde ich maßlos übertrieben, peinlich und schlicht unangebracht. Da wird wieder ein Toter von jeglicher Seite für die eigenen Interessen instrumentalisiert, wahrscheinlich sogar von Oettinger, seinem Ghostwriter und der Süd-CDU als den “Opfern” dieser Affäre selbst. Aber Hauptsache Thierse, Roth und all die anderen Berufsempörer konnten wieder ordentlich medienwirksam auf die Kacke hauen, verurteilen, Rücktritt fordern, und ihr reines Gewissen und ihre einwandfreie Gesinnung vorzeigen; da war schon wieder gleich von Gedenkgottesdienstabsagen, Verhöhnung der Naziopfer, Relativierung des Holocaust und allgemein Rechtsextremismus die Rede. Mahlzeit. Wieso geht es zur Abwechslung nicht auch mal mit sachlicher und weniger emotionaler Auseinandersetzung und Kritik? Quellen, Belege, Daten, von allen Seiten wohlgemerkt? Ist in Deutschland nicht möglich.
np. Jägerblut - 1896-1906

Ich habe mich da auch die gesamte Zeit zurückgehalten, weil ich ebenfalls nur über die Medien ein Bild von dem Herrn Filbinger habe. Sicher ist aber, dass er als Marinerichter und als Ankläger bei Desertationen fungiert hat und nicht zuletzt deswegen von seinem Posten als Ministerpräsident von BW zurücktreten musste.
Ich würde mich aber in diesem Fall Herrn Schirrmacher anschliessen:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,477418,00.html
Er fasst meiner Meinung nach das ganze Problem gut und neutral zusammen und er hat recht.
Comment by Hatebreeder — April 16, 2007 @ 4:49 pm
Nachdem Filbinger laut Oettinger kein Gegner des Nationalsozialismus ist und jetzt auch wohl keine ” belegbare innere Distanz” mehr zu diesem hat, ist ja alles in Ordnung. Und zwar in Ordnung im Sinne der Verlogenheit, die man in Deutschland so gern hat.Das wichtigste ist die Karriere als Untertan, die Ideologie paßt man da halt dem jeweiligen Zeitgeist an. Filbinger wurde aus Karrieregründen erst Nazi, dann überzeugter Demokrat. Oettinger, dessen Ausführungen als Trauerredner sinngemäß schlußfolgern ließen, diese karrieretechnische Anpassung sei doch dem politischen Wiederstand geradezu gleichzusetzen und der damit Karrierismus zur höchsten Leistung geadelt hat, verhält sich nun entsprechend karrieristisch.Und alle sind zufrieden, weil die meisten Deutschen ähnlich demokratiefern orientiert sind. Unter diesen deutschen Verhältnissen verhält die NPD sich geradezu musterdemokratisch, weil die Mitglieder und Anhänger sich nicht karrieretechnisch verbiegen, sondern für ihre Idee ungeachtet persönlicher Nachteile eintreten. Damit verhalten sie sich, auch wenn einige von ihnen sicher demokratieferne Ziele haben, demokratischer als die ganzen Karrieredemokraten. Ich wiederhole: meiner Vermutung nach würde Sophie Scholl heute NPD wählen.
Comment by Thomas Kurbjuhn — April 16, 2007 @ 4:53 pm
Bevor jetzt wieder was von wegen Fähnchen-in-den-Wind-Hänger/der cfk ist ja Opportunist kommt: Wer sowas wie “Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!” in Bezug auf seine Tätigkeit im dritten Reich sagt, der bedarf keines Kommentars. Die Oettinger-Rede war wirklich daneben. Da könnte man den Kurt Bock auf seiner Grabrede auch zum Vorzeige-Kommunisten (v)erklären. Was bei dem “Sau durchs Dorf treiben” wieder einmal von den Berufsempörten und deren Gesinnungsfaschisten kam; Da unterschreibe ich deinen Eintrag voll. btw.: Die Satire hat doch immer den schonungslosesten Blick auf eine Thematik: http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_video/0,,SPM2362_VID3912602,00.html
Comment by cfk — April 16, 2007 @ 6:57 pm
@Hatebreeder: Naja, Filbinger als Nazi-Gegner zu bezeichnen ist meiner Meinung nach verfehlt, neutral ist Schirrmacher aber auch nicht. Die Frage ist nicht, ob er Marinerichter war (das ist klar), sondern was er dadurch “angerichtet” hat (das scheint nämlich trotz allem nicht so klar zu sein wie das manche so darstellen) und vor allem - wie lange, so kurz vor Kriegsende.
Übrigens lief damals auch eine Kampagne, initiiert von Rolf Hochhuth, gegen Filbinger, wegen der er zurücktreten musste. Die Geschichte wiederholt sich halt immer wieder.
@cgk: Was die Rechtssache angeht: Niemand fällt in einer Zeit Urteile nach einem Recht, das in späterer Zeit als “demokratischer”, “menschenfreundlicher” und “moralisch einwandfreier” angesehen werden wird, sondern nach dem aktuell geltenden Recht. Zudem weiß ich nicht, wie heute mit Deserteuren umgegangen wird… werden die vielleicht auch vor ein Militärgericht gestellt? Nur so ne Frage. OK, in Deutschland kriegen sie als engagierte “Bürger in Uniform” dafür wahrscheinlich das Bundesverdienstkreuz…
Summa summarum, die Sache stellt sich für mich so dar: Die NS Justiz war natürlich “gleichgeschaltet”; Filbinger ein gelehriger Mitläufer, der sich in der Bundesrepublik ebenso schnell zum konservativen “Demokraten” bekehren liess, und in der NS Zeit kein ausdrücklicher Nazigegner war (als der er von Oettinger tendenziös dargestellt wird). Bleibt die Fragen nach den Urteilen kurz vor oder sogar nach Kriegsende - quasi der “Verhältnismäßigkeit”.
Comment by Wichtelmeister — April 16, 2007 @ 7:39 pm
Word.
Comment by cfk — April 16, 2007 @ 8:44 pm